Gedanken zum Monatsspruch

Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus! (Lk 10,5)

 

Wir kommen in Häuser, in denen alles blitz und blank blinkt.
Wir kommen in Häuser, in denen es übel riecht.
Wir kommen in Häuser mit Aufzug.
Wir kommen in Häuser mit sechs Stockwerken über Treppenstufen.
Wir kommen in Häuser, in denen die Wände im Flur beschmiert sind.

Wir kommen in Häuser, die in jeder Etage mit einer neuen Grünanlage locken.
Wir kommen in Häuser, in denen die Luft steht.
Wir kommen in Häuser mit einem großzügigen Garten.
Wir kommen in stille Häuser, in laute Häuser, in alte und neue, in arme und reiche.
Wir kommen in Häuser mit einer Reihe zerstörter Brief­kästen, die zum Teil mit Werbung vollgestopft sind.
Wir kommen in schmucke, kleinere Einfamilienhäuser mit gebrannten Emaille-Arbeiten, auf denen alle Familienmitglieder stehen.
Das erzählen die Männer und Frauen des Besuchsdienstes.
Manche sagen: Da gehe ich gerne hin.
Andere sagen: Da gehe ich nie mehr hin.

Ich drehe das Jesuswort um, so dass es mich betrachtet.
Wie komme ich in ein Haus?
Abgehetzt und müde?
Vorbereitet, vielleicht sogar mit einem persönlichen Gebet?
Informiert oder überrascht?
Als Überbringerin einer Nachricht, eines Geschenkes, eines Briefes?
Komme ich, weil ich mich auf die Begegnungen freue?
Komme ich, weil ich es nicht länger hinausschieben kann?

Wie kann ein Mensch einem Haus und seinen Bewohnern Frieden wünschen, der vor sich selbst davonläuft? Der sich versteckt hinter Zahlen, Büchern, öffentlichen Meinungen, Terminen und Titeln?
Wie kann ein Mensch einem Haus und seinen Bewohnern Frieden wünschen, der im Unfrieden mit sich selbst lebt?

Ein König besaß einen Garten mit Weinstöcken, Feigen- und Granatäpfeln und anderen Früchten. Er beschloss, den Garten einem Pächter anzuvertrauen. Nach Jahren kam er an seinem Besitz vorbei. Alles war von Disteln und Unkraut überwuchert. Rasch entschlossen wollte er die Bäume umhauen lassen und brachte Holzfäller herbei. Doch da sah er zwischen den Disteln eine Lilie blühen. Er nahm sie an sich und roch ihren wunderbaren Duft. Sogleich war er versöhnt. - Die Lilie bist du.

Noch einmal wende ich den Blick. Habe wieder die Häuser vor Augen, in die ich gehe oder die ich „passiere“. Ich sehe so viele Schneckenhäuser …
Es gibt den Rückzug ins Schneckenhaus. Spirale um Spirale ziehen sich alle weiter zurück in die scheinbar bergenden Grenzen. Eingeweide, Lunge und Herz der Völker werden wie bei einer Weinbergschnecke verborgen unter einer wachsenden Schale.
Bei der Schnecke aus Kalk. An den Grenzen aus Maschendraht, Grenzzäunen und günstigenfalls Videoüberwachung. Nein, eine „Nacktschnecke“ will man nicht sein.
Gelegentlich fahre ich am Abend an einem Fitnessstudio vorbei, sehe Frauen und Männer auf Fahrrädern strampeln, mit sturem Blick auf das kleine Display ihres Fitnessgerätes. Manche haben ein Handtuch um den Hals, andere tragen Leibchen mit dem Nike-Zeichen, Dritte wischen sich gerade den Schweiß ab.
Vielleicht ist der Blick ins (gequälte? befreite?) Gesicht des anderen verpönt. Ich sehe sie unter die Dusche gehen, in die Umzugskabine und in den Aufzug, der sie ins Auto bringt. Jeden und jede für sich. Privatissime.

Ich lobe mir, was meine Frau erzählt. Sie ist Übungsleiterin für Reha-Sport und dabei offensichtlich erfolgreich. Ihre Gruppen werden größer, und es werden immer mehr. Vielleicht liegt es daran, dass bei ihr die Einzelnen etwas zu lachen haben. Mal über sich selbst, mal mit anderen. Keiner nimmt dem anderen etwas weg. Sie erleben sich als Gruppe, als Organismus. Die eine kann dies besser, der andere das. Und bei allem „heilt“ eine gesunde, die Gesundheit fördernde Mischung aus Ansporn und Humor. Vielleicht ist das eine „moderne“, heute angemessene Übersetzung des Monatsspruchs: „Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als Erstes: Friede diesem Haus!“

Jesus, Petrus - man kennt ja sein „Haus“ in Kapernaum - hatten andere Häuser vor Augen. Aber Menschen mit den gleichen Sorgen, Gaben, Ängsten und Fehlern.

 

Pfarrer Gerhard Engelsberger